LAN07: Monika Rinck - Gegenleistung: Relevanz
von Marie-Anne Soyez
Monika Rinck ist interessiert an dem, was nicht „die Verdoppelung dessen ist, was in der Wirklichkeit auch schon langweilig ist“. Positiv ausgedrückt wäre das vielleicht: Alles, was in der Wirklichkeit relevant ist, noch relevanter zu machen. Sprache, Begehren, Gültigkeit. Gedichte müssen Dringlichkeit haben, denn „von der Wirklichkeit sind sowieso 60 Prozent entweder unnötig oder unerträglich“. Da muss man was anderes versuchen. Tierversuche sind erlaubt. Versuche mit Gruppen, Versuche mit Liebe, alles in assoziativem Rhythmus.
„Ein gutes Gedicht muss sich in einer gewissen Weise seinen Rezeptionsraum selbst schaffen.“ Monika Rinck trägt ihre Texte nur ungern auswendig vor. „Man verkörpert dann den Text so komisch, fängt vielleicht sogar an zu gestikulieren. Dagegen mit einem Blatt macht man klar – ich hab das nur geschrieben. Auf einer Lesung lässt sich mit Blatt Distanz halten. Ich will nicht als mein lyrisches Ich wahrgenommen werden. Diese Distanz ist mir ganz wichtig.“
Neben Lyrik schreibt Monika Rinck Begriffslisten, Kurzprosa, Essays. In allen Texten werden die Worte verehrt, gefördert, gepiesackt. Sie treten in Gestalt von Tieren, Körpern, Gefühlen, Gedanken, Folgeschlüssen und Netzwerken auf. Die Worte machen den Inhalt, und alles unterliegt ihrer Struktur.
Die große Aufmerksamkeit, die Monika Rinck den Worten zu Teil werden lässt, erwartet als Gegenleistung Relevanz. Why then, to heaven with hell./ Whatever sages say and fools, all’s well. (E.E. Cummings) Taucht diese in von anderen produzierten Worten auf, werden sie durch die Aufmerksamkeit auch zu ihren gemacht, frei nach dem Sprichwort: Ein Pferd gehört dem, der es am meisten liebt.
Die Pferde ihrer Lyrik wurden angefahren, die Hunde linksgemacht. Was ist mit der Schnucke und was mit dem Tapir? tiere unter eis./ und tiere unter drogen. die gesunden tiere machen gerade was komplett/ andres. ein herdenrennen. oder was mit steppe. die gesunden tiere steppen/ eine decke. oder nutzen die edlen hufe zum stepptanz.
Manchmal wird die Aufmerksamkeit den Worten gegenüber nur mit Langeweile beantwortet. Zum Beispiel bei „einer Art von reduktionistischer, neutraler Prosa, die immer Sachen auslässt, weil der Leser es selbst merken soll, das ist aber oft so banal. Gott, ist das langweilig.“ Da folgt das Urteil auf den Punkt: „Da würde ich eher morgens um vier Verkaufsfernsehen gucken.“ Was eine sagt, die keinen Fernseher besitzt.
Es hat Konsequenzen, wenn man empfänglich für Sprache ist. Der Rinck-Kiesel wurde durch viele vorbeiströmende Worte geschliffen und gibt ihnen selbst Form. Wortkonsum und Wortproduktion gehen ineinander über. Der Konsum ist vor allem von Lyrik und Theorie geprägt, kommt wegen diverser Produktionspflichten aber zeitlich oft zu kurz.
Die halbe Stelle beim Rundfunk findet Monika Rinck ok, der „sehr realitätsgesättigte Ort“ kann hilfreich sein – nimmt aber viele Stunden in Anspruch. Zusammen mit Auftragsarbeiten wie Vorträgen und Vorworten macht das Zeit sehr kostbar – und Lesen zum Luxus. „Dafür würde ich gerne den Job loswerden: um Zeit zum Lesen zu haben. Das ist natürlich ein ganz anderes Lesen als das verwertende Lesen. Das sind sehr anregende Zeiten, wo man sich selbst die Ruhe gönnt zum Input und nicht gleich aufgescheucht wird durch Fragen: was kann ich daraus machen, wo kann ich das hinordnen in meinem eigenen Schreibsystem?“ Die von ihr angestrebte Kontinuität im Denken, die sie am religionswissenschaftlichen Institut schätzen gelernt hat, führte zum Sammeln von Seminar-Mitschriften, Zettelkästen, Dateien, einer Dokumentation des Wortkonsums.
Wo beginnt ein Text? „Das ist ganz unterschiedlich.“ Auch Menschen haben einen Beginn, heißt es in „Ah, das Love-Ding“ (2006). Darin sagt die Gefährtin des lyrischen Ichs, ihr Name ist Veronika, von sich, sie beginne am Kinn.
Monika Rinck hat nicht überlegt, wo ihr Anfang sei, eine schöne Antwort gibt sie aber trotzdem: „Vielleicht beginne ich ja am Helm“. Der neue schwarze Fahrradhelm sieht sehr sicher aus.
Lesen um zu verwerten, schreiben um zu veröffentlichen. Helm um zu schützen: das Wichtigste, den Kopf. Zwischen Helm und Schuhen schlagen Ideen Wurzeln, sich an andere Wurzeln erinnernd, die zu blauen Ordnern, verblassenden Skizzen und in den 90ern ausgedruckten E-Mails führen. Korrespondenzen, die viel Zeit einnehmen. Guten Tag, was können Sie denn mit der Sprache machen? Ich kann jemandem 1.200 Kilometer nach Süden schreiben oder 600 Kilometer nach Osten. Und fragte: Will you write? Und ich sagte: I will. Und schrieb seither mit der Energie des Habenwollens an gegen das Gebrechliche der Details weniger Tage. Auch das ist große Arbeit. Schreiben mit dem Computer, schreiben in Heften. Eine Hütte in den Alpen, aber ohne Schreiben? „Ich weiß nicht...achnee.“
1969 geboren in einer pfälzischen Kleinstadt, dort auch aufgewachsen, was nur zu hören ist, wenn „russisch“ zu „russich“ wird. Studium (Religionswissenschaft, Geschichte, Allgemeine Literaturwissenschaft) im Ruhrpott, den USA und schließlich in Deutschlands intellektuellster Hauptstadt. Berlin wird das, was man im tierfilm wohl die natürliche heimatatmosphäre des otters nennen würde.
Dort verbringt sie „elf Lesejahre“, bevor der erste Lyrikband erscheint. Lesen, schreiben, Worte sammeln. Eine Autoren-Karriere läuft an mit Veröffentlichungen, Preisen und Förderungen, die Brille bleibt dickrandig und Zusammenarbeit essentiell. Ebenso, wie Teil der Diskurse sein, auf Lesungen gehen, Gesprächspartner haben, um „ über so was nicht so Naheliegendes wie Lyrik zu sprechen.“
Egal bei welcher Art von Gruppe, ob in Lesekreisen, Poetrycafé oder bei der fiktiven Doku-Soap „le pingpong d’amour“: „Wenn man sich dann streitet, innerhalb des Arbeitszusammenhangs, kann es sein, dass man seinen gesamten Freundeskreis verliert. Das ist natürlich schwierig.“ Wäre das ein Grund, nicht mehr mit Freunden zusammenzuarbeiten? „Nein, das wäre nicht der Grund. Es ist eher so, dass sich das Zeitmanagement der unterschiedlichen Leute mit dem Älterwerden nicht mehr so gut aufeinander abstimmen lässt.“
Zeit ist kostbar. Lesen ist Luxus, und Schreiben? Gunst, hieß es irgendwo, sei eine Triebfeder, die nicht von außen bewegt wird. Der Rest ist Arbeit.
