LAN07: Tilman Rammstedt - Zwischen Bauchnabelschau und Ballontestfahrt

von Alexandra Jabs

Draußen ist Karfreitag, ein Feiertag, an dem man traditionell Fleisch fastet und Fisch futtert. Drinnen sitzen Tilman Rammstedt und ich, im Bauch des Cafés „Fleischmöbel“. Kaum ein Ort könnte wohl passender sein, um sich heute mit dem Autoren und ständigen Mitglied der „Texte an Musik“-Gruppe „Fön“ zu treffen, der unter anderem auch schon den Kasseler Literaturförderpreis für grotesken Humor gewann. Dabei habe er das Café gar nicht des skurrilen Namens wegen ausgesucht, sondern einfach nur, weil er es mag. Tilman Rammstedt schmunzelt. Außerdem liegt es gleich bei ihm um die Ecke. Kein Wunder also, dass man ihn hier kennt und sogar mit Vornamen begrüßt. Und auch mich beschleicht nach und nach das Gefühl, einem alten Bekannten begegnet zu sein.

Seit neun Jahren wohnt der in Bielefeld geborene Autor nun schon in Berlin, das er, bevor er hierher zog, überhaupt nicht mochte. „Ehrlich gesagt kannte ich es gar auch nicht richtig und war immer unter eher unglücklichen Umständen hier gewesen. Aber nach einem Jahr Studium in Tübingen wollte ich das genaue Gegenteil davon. Warum nicht mal was Hässliches, hab ich mir gedacht.“ Inzwischen fühlt er sich hier aber sehr wohl und fügt sich mit seinen leicht strähnigen Haaren, dem Dreitagebart und dem grau-schwarzen Ringelpulli auch gut ins tägliche Bild des Prenzlauer Bergs ein. Zu Hause, das ist für ihn da, wo ihn ein paar liebe Menschen umgeben. Außerdem mag er es, zu jeder Tages- und Nachtzeit ausgehen zu können, immer Leben um sich zu haben. Und witzelnd fügt er hinzu: „Berlin ist ja im Grunde nur ein größeres Tübingen. Auch hier sitzen überall Schwaben gemütlich zusammen.“

In akuter Gefahr, einen Berlin-Koller zu bekommen, schwebt Tilman also nicht. Daran hindert ihn allein schon die Tatsache, dass er aufgrund seiner Auslandsaufenthaltsstipendien, die ihn nach New York, Budapest oder Krakau geführt haben, in den vergangenen Jahren oft gar nicht vor Ort war. Das soll sich aber nach Möglichkeit ändern, denn im Moment sehnt sich der 31-jährige nach etwas mehr Alltag und vor allem mehr Zeit für seinen neuen Roman, den er gerne schon im nächsten Frühjahr veröffentlicht sehen würde. Einen symbolischen Schritt in diese Richtung stellt der vor kurzem vorgenommene Auszug aus „dem ständigen Provisorium“, wie Tilman es nennt, sprich seiner „Sozialromantikwohnung“ mit Kohleofen, dar. In seiner neuen Wohnung muss er zwar gerade noch ohne Telefon und Internet auskommen, dafür stehen immerhin schon seine Bücher im Regal. Nicht etwa, weil er nicht ohne Bücher leben könne, wie er mir schnell versichert, sondern weil die Bücherkisten einfach am meisten Platz weggenommen hätten.

Trotz aller erlernten Sympathien für seine Wahlheimat sieht sich Tilman nicht als Berliner Autor. Lebte er woanders, würde er genauso schreiben. So hat er seinen Roman „Wir bleiben in der Nähe“, in dem Berlin eigentlich sowieso keine Rolle spiele, in New York angefangen und hauptsächlich in Stuttgart und Frankreich zu Ende gebracht. Bei „Erledigungen vor der Feier“ hätte er im Nachhinein die wenigen Berlinbezüge gerne wieder rausgenommen, um eben nicht als noch so ein junger Mann angesehen zu werden, der über Berlin schreibt.

Auch seinen bisherigen Erfolg stellt er in keinen Kausalzusammenhang mit seinem Wohnort. „Ich bilde mir ein, dass es keinen Unterschied macht, wo man schreibt. In Berlin ist man näher dran, geht aber auch schneller unter.“ Überhaupt kämen längst nicht mehr so viele der jungen Autoren aus der Hauptstadt, wenn man den Adressenlisten der Workshops und Lesungen junger Autoren glauben schenken dürfe.

Tilmans literarische Laufbahn begann mit der Ausstellung von Bildergeschichten. Es folgten kleinere Lesungen, dann zog er 2001 zusammen mit Auch-Fön-Mitglied Florian Werner die Lesebühne „Visch und Ferse“ im „Fischladen“ in Friedrichshain an Land. Dass die Veranstaltung nicht mehr regelmäßig stattfindet, liegt vor allem daran, dass „wir ein Haufen Schlunzen sind und es deshalb niemanden auffällt, wenn wir nicht mehr da sind,“ meint Tilman und lacht.

Was in jedem Fall auffiel war Tilmans Auftritt bei dem Nachwuchsliteraturwettbewerb Open Mike 2001. Mit seinen Texten über das Mädchen L., die er selbst ganz bescheiden als vorlesungsfähig bezeichnet, konnte er nicht nur Publikum und Jury überzeugen, sondern machte auch den Dumont Verlag auf sich aufmerksam, bei dem er ein Jahr später sein erstes Buch „Erledigungen vor der Feier“ veröffentlichte.

Unter den 21 Geschichten im Buch finden sich auch neun über L. und ihre einigermaßen merkwürdige Beziehung zum Ich-Erzähler wieder, der Erzählhaltung, mit der sich Tilman am wohlsten fühlt. Dabei hat der Ich-Erzähler für ihn erst einmal nichts mit der berühmten Bauchnabelschau zu tun, die die Kritik gerade jungen Autoren immer wieder vorwirft. „Es gab eine Zeit, da wollte ich aus einem doofen Grund, nämlich aus purem Gehorsam, keinen Ich-Erzähler verwenden. Aber der Ich-Erzähler passt zu meiner Art des Schreibens. Ich kann nicht ohne Dringlichkeit schreiben, die nicht unbedingt aus dem Herzen kommen muss, sondern vom Erzählen selber. Daher brauche ich eine starke Erzählerposition.“ Sonst sei er beim Schreiben selbst schnell gelangweilt.

Auf der anderen Seite gibt er unumwunden zu, dass zwischen Erzähler und Autor durchaus Parallelen zu ziehen sind: beide sind männlich, im selben Alter, stammen aus der gleichen sozialen Schicht und haben ähnliche Probleme. Das ist schon auch irgendwie Nabelschau. Gleichzeitig sei das, worüber er schreibe, aber hoffentlich nicht nur etwas Privates, sondern die Beschreibung eines allgemeineren Phänomens.

Ob die zeitgenössische Literatur denn insgesamt mehr Autobiographisches aufweise, möchte ich von ihm wissen. Dazu habe er nicht genügend Überblick über die gegenwärtige Literatur, obwohl er zurzeit fast ausschließlich Neuerscheinungen lese, gibt er mir zur Antwort. Generelle Aussagen scheint er generell ungern zu treffen. Lieber geht er von sich aus. „Wenn ein Buch gut geschrieben ist, ist es mir auch egal, wie viel Autobiographie drin steckt. Ein Buch soll packen, auch sprachlich, und dann ist es unwichtig, ob es die 599ste Liebes-, oder eine Afghanistangeschichte ist.“ Gilt das auch für seine eigene Literatur? Tilman überlegt lange und wählt seine Worte mit Bedacht: „Packen hört sich jetzt schon wieder nicht so gut an. Sie soll unterhalten und zwar auf die Weise, auf die ich selbst gern unterhalten werde.“

Was er gar nicht mag ist Eindimensionalität, beispielsweise Literatur, die hauptsächlich das Gefühl des „sich selbst Wiedererkennens“ vermittelt. „Ich weiß, dass das viele über meine Bücher sagen und ich nehme das einerseits als Kompliment, andererseits sollte das aber nicht alles sein.“ Genauso ist Humor zwar ein wichtiges Element seiner Texte, darf aber nie zum Selbstzweck verkommen. „Humor ist für mich ein Transportmittel. Wenn etwas humorvoll ist, macht es den Text auch sinnlicher.“ Ziel ist es nämlich, eine Pluralität von Emotionen zu erzeugen. In Tilmans Texten geschieht das durch poetische Sprache gepaart mit philosophischen Randbemerkungen und durchbrochen von irrwitzigen Szenarien. Schenkelklopfer hingegen sind Tabu, Selbstironie nur in Maßen zu genieße.

Schon oft ist der Autor auf Lesungen von seinem Publikum aber auch überrascht worden, wenn es an Stellen lachte, die er selbst beim Schreiben gar nicht als komisch empfand. Dann wieder lässt es sich von ihm bereitwillig zu den Stellen führen, an denen nicht gelacht werden soll. Dieses Kippen von einer Stimmung in die andere findet er spannend. Die Meinung seines Publikums ist ihm überhaupt sehr wichtig, und besonders aufgeregt ist er, wenn er etwas Neues liest. „Lesungen sind immer auch Testballons.“ Und so ein Ballon braucht viel Aufwind. Bislang hatte Tilman aber fast immer Glück mit der Kritik. Vielleicht würde er sonst alles hinwerfen. „Ich brauche die Bestätigung – gerade am Anfang. Wenn mir aber mein Lektor sagt, das ist nix, würde ich nicht sofort den Verlag wechseln.“

Doch diese Übereinstimmung ist natürlich nie mit allen und allem zu erreichen. So ist er nach wie vor erstaunt, wenn die Leute meinen, sein zweites Buch handele genau wie das erste von der Unentschlossenheit einer Generation, wobei Generation sowieso falsch sei, da es sich dabei um das Problem einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht handele. Das Thema war für ihn zusammen mit seinem ersten Text abgeschlossen. Im zweiten Buch ginge es nicht mehr um Hedonisten oder Großstadtbohemiens, sondern um Menschen mit bürgerlichen Berufen, die weiterhin unter dem Druck stünden, sich immer wieder entscheiden zu müssen.

Seine eigenen Entscheidungen hat er bislang noch nie bereut. Auch nicht den Abbruch seines Studiums der Literaturwissenschaft und Philosophie. „Das war keine mutige Entscheidung, sondern geschah nach dem ersten und vor dem zweiten Buch. Ein bisschen schade ist es trotzdem, weil es mir auch viel Spaß gemacht hat. Und vielleicht ist es auch, ich weiß nicht, der protestantische Wunsch, etwas zu Ende bringen zu wollen. Seinen Namen auf einem Diplom zu sehen.“ Am Ende also doch noch ein religiös anmutendes Statement an Ostern. Auf einem Diplom steht sein Name zwar nicht, dafür dann ja vielleicht im Frühjahr 2008 auf einem weiteren Buchdeckel.