LAN07: Svenja Leiber - Schreiben als selbst gewählte Manie

Von Viola Zech

„Freie Bäuche, straffe Zöpfe, Bartversuche, Hautprobleme, alles traf sich am Container.“ So beschreibt Svenja Leiber in ihrer Erzählung „Der erste Schnitt“ die Zusammenkunft der Dorfjugend. Wenige Worte, aber doch entsteht sofort ein klar gezeichnetes Bild vor dem inneren Auge. Der Autorin gelingt es, eine frische, unverbrauchte Sprache ohne Klischees zu finden. Die 13 Erzählungen in „Büchsenlicht“ spielen auf dem Dorf irgendwo im Norden von Deutschland, einem begrenzten und relativ übersichtlichen Schauplatz. Jeder kennt hier jeden, das Leben der Menschen rückt zusammen. Auch Svenja Leiber ist auf einem Dorf aufgewachsen, in einem sehr kleinen Ort, bestehend aus fünf alten Höfen und einigen Arbeiterkaten. Ihre Familie lebt eher in einer Außenseiterposition, denn sie kommt ursprünglich aus Hamburg.

1995 kommt Svenja Leiber nach Berlin, um Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte zu studieren. Die bis dahin gelebte Begeisterung am Schreiben, verebbt vorübergehend im analytischen Blick auf die Literatur. Studieren und Produzieren scheinen sich auszuschließen.

Nach verschiedenen Stationen im Friedrichshain und Steglitz, zieht sie in den Prenzlauer Berg, wo sie seit acht Jahren wohnt. Inzwischen hat sich dort sehr viel verändert. „Der Prenzlauer Berg ist nicht mehr der Prenzlauer Berg, sondern ein ganz anderer Berg geworden.“ Als sie damals her kam, war alles sehr roh. Heute sitzt sie in einem adretten Cafe am Wasserturm, sanierte Häuser („eine Optik, die ja aus einer Art ins Zitronengelb gekippter Pastellbombenexplosion resultiert“), überall schöne junge Menschen, Mütter mit Kindern. Aus einem fast verschlafenen Stadtteil der Freiräume, kleinen Brachen und struppigen Hinterhöfe, sei dieser viel belästerte Bezirk der jungen, wohl gekleideten Latte-Familien und ihrer überdimensionierten und vor allem unzähligen Autos geworden, meint sie. Und doch bleibt sie, obwohl ihr die Stadt längst viel zu laut - und sie ein Mensch mit heftigem Bedürfnis nach Stille ist. Am Ende sei man vielleicht schon zu kaputt, um noch die Kraft zum Fortgehen aufzubringen, sagt sie. Vielleicht bleibt man aber auch, weil die Stadt trotz allem einfach immer noch den Inbegriff urbaner Lust darstellt.

Svenja Leiber hat zwei Kinder, zwei kleine Mädchen. Zum Schreiben bleiben die Vormittage, obwohl sie eigentlich die Nacht bevorzugt, und sich das „Mondschein-Arbeiten nur wegen der drauffolgenden schmerzhaften Morgenstunden“ verbietet. „Eigentlich finde ich es schwierig, berufstätig zu sein, falls damit das materielle Fortkommen gemeint ist“ gesteht sie. Denn nichts lähmt sie mehr als äußerer Zwang. Lieber wäre ihr, sie müsste mit dem Schreiben kein Geld verdienen, sondern könnte es einfach so betreiben, „nicht als Beruf, sondern als Beschäftigung, selbst gewählte Manie.“ Muttersein und Schreiben ergänzen sich positiv, haben sogar viel miteinander gemein: „Man will sich mit Schicksalen, mit Menschen, mit Geschichten sehr stark verbinden. Im einen Fall ziemlich körperlich, im anderen Fall eher im Kopf. Man will es wachsen sehen, man will dran mitarbeiten, und letztendlich muss man die Romanfiguren sich ebenso frei entwickeln lassen, wie die eigenen Kinder, ansonsten werden die einen konstruiert, die anderen rennen einem mit sechzehn aus dem Haus und stellen nur Unsinn an“. Sie erlebt Kinder in keiner Weise als hinderlich. Nur müsste ein Tag 30 Stunden haben, und nicht nur 24.

Zurzeit arbeitet Svenja Leiber an einem Roman. Er soll voraussichtlich im Herbst 2008 erscheinen und spielt hauptsächlich in Moskau und auf dem russischen Land. Für die Recherche fuhr sie mit Unterstützung des „Grenzgänger“-Stipendiums der Robert Bosch Stiftung im letzten Jahr zweimal nach Russland, ein Land, das sie schon lange fasziniert, dessen Potential, dessen Einflüsse auf die Vitalität Europas aber auch dessen Probleme sie seit Jahren umtreiben. Und dessen Frauen sie faszinieren. „Die Frauen in Russland sind alles: Lady, Karrierefrau, Mutter. Sie haben unglaublich viel Energie, aber sie stehen auch unter großem Druck.“

Sie benötigt, so betont Svenja Leiber, eine gewisse Distanz zu den Dingen, über die sie schreibt. In direkter Nähe leidet sie unter einer Art blindem Fleck. Niemals könnte sie über ihr eigenes Leben schreiben. Sie interessiert sich für das Zwischenmenschliche, dafür „wie die Menschen miteinander sind“ aber die Erkenntnis über andere Verhältnisse klärt dabei nicht die Verwicklungen im eigenen Leben. Das Schreiben und das private Leben seien zwei Welten, parallel, dauerhaft sprechend, aber mit wenig Einfluss aufeinander. „Man bewegt sich zwischen den Räumen wie durch dünne Häute, aber es ist von Nöten, Fiktion und Realität nicht durcheinander zu bringen.“ Die Fiktion wirkt in vielen Momenten beruhigend auf Svenja Leiber, weil sie so für kurze Momente vor ihrem eigenen Gestaltetsein entfliehen kann, während sie selbst etwas gestaltet.

„In einem Text muss man unglaublich viel Kraft zusammenballen, damit er geeignet ist, an das Lebendige des Lebens tatsächlich ansatzweise heran zu kommen“, sagt Svenja Leiber: „Damit eine Figur anfängt zu leben, braucht sie einen kräftigen, untergründigen Motor aus Sprache, ansonsten bleibe sie eine Silhouette.“

Svenja Leiber schafft es diesen kräftigen, untergründigen Motor für ihre Figuren zu erschaffen. In keinem Moment erscheinen sie fiktiv, sondern immer lebendig und wie aus unserem Leben gegriffen. Svenja Leiber hat eine zärtliche Sicht auf ihre Figuren, sie scheint sie tatsächlich zu lieben. Sie wirft einen klaren, durchdringenden Blick, ein helles Blitzlicht, so dass die Figuren für einen Moment sehr deutlich hervortreten. Ein Blick wie ihr eigener, aus klaren blauen, sehr lebendigen Augen.