LAN07: Greta Granderath - „Für Lyrik springe ich in die Bresche“

von Deborah Böhm

Greta Granderath. Der Name kommt daher wie ein kraftvoller Stabreim. Dann die Erscheinung Greta: Ein strahlendes Lächeln in blondem Haarkranz, darunter ein Flechtwerk aus Bein zwischen den Barhockerfüßen. „Jugendlich“ denke ich zufrieden. Bestätigt in dem Adjektiv, das mir zu Ihrem Alter sofort eingefallen ist: 21 Jahre jung ist die Autorin. Doch ein fester Blick, der mich neugierig durch ein strenges Brillengestell mustert, spiegelt etwas vom Charakter Ihres Namens wider und steht irgendwie in Kontrast zu dem, worauf ich sie gerade festlegen wollte.

Ich treffe Greta Granderath in einem Café in Berlin Neukölln. Sie lebe hier und nicht im Prenzl'Berg, da man hier nicht ständig das Gefühl habe, es wäre Sonntag. In Neukölln trifft sie „normale“ Leute, wenn Sie auf die Straße geht. Leute, die weder Zeit noch Geld für einen kreativen Latte Macchiato haben. Das erinnere sie an ihre Heimatstadt Gelsenkirchen, an die sie sich lokalpatriotisch aber nur gebunden fühlt, wenn Schalke-Ergebnisse in der U-Bahn erscheinen, fügt sie verschmitzt hinzu.

Greta Granderath ist vor eineinhalb Jahren direkt nach dem Abitur aus dem Ruhrpott nach Berlin gezogen, um an der Freien Universität Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft zu studieren. Und wegen der Kultur und den vielen Lesungen natürlich, wie sie sagt. An Berlin möge sie außerdem, dass es nicht ein Zentrum gebe, sondern viele kleine. Ob man in dieser Stadt gut schreiben könne? Sie zögert kurz, wiegt den Kopf hin und her, zieht an Ihrer Zigarette und antwortet: „Ja, weil es hier sehr viel literarischen Austausch und Inspiration gibt, Nein, weil man ständig am Kultur Konsumieren ist und darüber schnell das eigene Produzieren vergessen kann.“ Sie lacht.

Für das Schreiben eigener Texte hätte sie gerne mehr Zeit. Neben Ihrem Studium gibt es nämlich noch so Einiges das sie ansonsten treibt: Sie spielt Theater in der Jugendtruppe der Volksbühne P14, nimmt Tanzunterricht und arbeitet mit den S3 Literaturwerken zusammen, wo Sie derzeit gemeinsam mit zwei befreundeten Autorinnen, Nora Bossong und Angela Sanmann an einem Renshi, einem japanischen Kettengedicht schreibt. Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass Greta Granderath irgendwie alles gleichzeitig und alles in unglaublichem Tempo macht. Sie ist noch so jung, und kann neben all diesen Aktivitäten auf eine Schreibbiographie zurückblicken, die sich liest wie die manch doppelt so alter Autoren. Im Alter von 9 Jahren fängt Sie an zu schreiben. Mit 12 Jahren besucht sie Ihren ersten Schreibworkshop. Mit 16 folgt die erste Veröffentlichung in der Anthologie „Sieben Schritte Leben“ (Grupello, 2001) , ein Jahr später nimmt sie am „Treffen Junger Autoren“ der Berliner Festspiele teil. Zahlreiche Förderpreise und Einladungen zu Workshops folgen. Beim LAN Festival wollte sie eigentlich ein Praktikum machen, jetzt ist sie als jüngste Autorin eingeladen.

Wie kommt man mit 9 Jahren zum Schreiben? „Durch Astrid Lindgren, auch wenn das Klischee ist“ gesteht sie schmunzelnd. Sie habe damals in eigenen Geschichten das Schwedenambiente kopiert, bis die Eltern das Talent erkannten und es förderten. Die Schauplätze Ihrer Texte sucht sie heute weniger fiktiv. Denn diesen „Anfängerfehler“, über Dinge zu schreiben die zu weit weg sind vom eigenen Erfahrungshorizont, habe sie zum Glück seither nicht mehr gemacht. Figuren und Orte liegen eng an ihrer eigenen Erlebniswelt, ohne zwingend autobiographisch zu sein.

Mit Prosa hat Greta Granderath begonnen, trotzdem fühlt sie sich der Lyrik näher, fühlt die Lyrik als „Ausgangspunkt Ihres Schreibens“. Mit der Lyrik hat sie sich am längsten beschäftigt, für die Lyrik springe sie „in die Bresche“. Längeren Prosatexten nähert sie sich derzeit wieder an und hat einen „wahnsinnigen Respekt“ vor guten Roman-Autoren. Denn den Überblick über Figuren, Zusammenhänge und Handlungsstränge zu bewahren und gleichzeitig den Leser mitzudenken, das sei eine Herausforderung, mit der sie beim Schreiben von Lyrik nicht konfrontiert sei.

Ob Prosa oder Lyrik, beim Schreiben gehe es ihr „jedenfalls nicht um die story, sonst könnte ich ja auch einen Film drehen“. Nicht die Eindeutigkeit, sondern die Vieldeutigkeit interessiere sie. Ihre Figuren sieht sie deshalb mehr als Modelle, denn als Charaktere aus Fleisch und Blut. Ausgestattet mit wenigen, prägnanten Eigenschaften sind sie einerseits genügend definiert, um dem Leser eine Geschichte zu erzählen, andererseits zu wenig, um ihm einen naturalistischen Film vorzuführen. In einem ihrer aktuellsten Prosatexte mit dem Titel „to go, went, gone“, der eine Reise auf den Spuren einer verlorenen Liebe in New York schildert, nennt sie die Protagonisten deshalb auch modellhaft: A und B.

Auf der Suche nach einer bescheidenen Form, um „viel mit wenig zu erzählen“, entwickelt sie ihre Texte ausgehend von Feinheiten wie: einzelnen Merkmalen, Bewegungen oder Situationen, ohne zuvor einen „plot“ zu entwerfen.

Auffällig ist Greta Granderath´s schlichter zeitgenössischer Sprachstil, der mal zurückhaltend in Erscheinung tritt, wie im Gedicht „achtzig Prozent“, mal rauh wie im Prosatext „Unkraut“. Durch häufige Wort- wie Syntaxwiederholungen und Variationen, gewinnt man den Eindruck von einem Sich-im-Kreis-Drehen, aber auch von Anlaufnehmen und Beschleunigung. Auf der Stelle Treten und Vorankommen, Trostlosigkeit und Trost. Beides zugleich. Dieses Motiv im Kleid einer knappen Sprache, die die Details erspart, um dadurch um so mehr auf sie hinzudeuten, lässt besonders in „Unkraut“ Erinnerungan an Thomas Bernhard, eines ihrer literarischen Vorbilder, anklingen. Nicht zuletzt auch aufgrund der Ironie die dazu beiträgt, sich kein eindeutiges Urteil über die Protagonisten zu erlauben. Es fällt in diesem Text schwer, die Ich-Erzählerin als Opfer festzulegen. Irgendwie scheint diese auch beteiligt und fasziniert von den sexuellen Übergriffen des Mannes der Besitzerin, in deren Kneipe sie arbeitet. Der Text lässt keine psychologische Analyse zu, wenngleich es Anspielungen gibt. Man bleibt dabei wunderbar zwiespältig zurück.

Das Tiefgründige mit dem Leichten zu verweben, das Vielschichtige schlicht zu verpacken, das gelingt der jungen Autorin in ihrer Lyrik wie in ihrer Prosa auf eindrückliche Weise. Wird sie befangener mit zunehmender Schreib- und Öffentlichkeitserfahrung? Der Moment der Inspiration würde manchmal ein Bisschen schwächer, bedauert sie, da die „Überarbeitungsmaschine“ im Kopf inzwischen schneller anspringe und zensiere.

Bleibt zu hoffen, dass diese Überarbeitungsmaschine die Textproduktion nicht hemmt, sondern vorantreibt, denn ich bin neugierig geworden auf die Texte einer Autorin, die sich der Zweideutigkeit hoffentlich noch lange verschreiben wird: Jugendlich und erfahren, düster und tröstend, zart und rauh. Ihr bisheriges Tempo lässt jedenfalls die Hoffnung zu, noch viel von Ihr zu hören und natürlich zu lesen.