LAN07: Daniel Falb - Die Falb Formel
von Dorothea Kallfass
Daniel Falb ist ein kunstvoller Dichter. Seine Texte gleichen in Form gepressten Lichtstrahlen, sie sind kühl und heiß zugleich, abseits vom Mainstream, trotzdem nah am Zeitgeist. Wie macht er das?
Daniel Falb gelingt das, woran viele Schreibende verzweifeln: er gibt den Worten eine neue, seine eigene Bedeutung, die sich dem Leser nicht unmittelbar erschließt. Selbst wenn einige Sätze auf den ersten Blick verständlich erscheinen, hallen sie eine Weile nach und lösen sich dann wieder in viele Fragezeichen auf:
jemand lief da draußen mit meiner niere herum
und das warst nicht du.
dein kanarienvogel sah heute so seltsam aus,
und deine oberschenkel waren voller blüten,
die ich aber im vorbeigehen nicht sah.
Der kurze Ausschnitt ist ein gutes Beispiel für den oben beschriebenen Vorgang: Es scheint zunächst zwar ein lyrisches ich vorhanden zu sein, doch bei näherem Betrachten wird es unscharf und beginnt, sich aufzulösen „Es gibt nichts langweiligeres als attribuierbares Sprechen“, so lautet dann auch Falbs Urteil über traditionelle Sprechhaltungen: „Ich habe eine Zeitlang den Ausweg des ‚wir’ gesucht, im Anklang an den antiken Chorus und dabei in der Hoffnung, er werde nicht allzu formiert, sondern disparater, zerstreuter wirken können. Inzwischen tauchen wieder Subjekte im Singular auf, aber eher als grammatikalische Tricks in der Bedeutung von: diese Satztypen gibt es auch noch.“ Daniel Falb hat eine eigene Ausdrucksform entwickelt, die das Mediale des Textes betont, anstatt identitätsstiftende lyrische Innenschau zu betreiben: „Das liegt auch daran, dass viele, die ich kenne und die anfangen zu schreiben, das sehr stark machen, weil diese klassische Tradition im Bücherregal der Eltern steht. Davon müssen immer Abgrenzungsbewegungen passieren, damit es überhaupt interessant wird.“ Und interessant ist nicht nur wie, sondern auch worüber er schreibt. Die unvermittelt hervorbrechende Aktualität der Diskurse, die verstreuten Splitter politischer und gesellschaftlicher Problematiken und Vokabeln, sie sind auf eine faszinierende Art verstörend, so als ob man sich selbst im Spiegel nach einer ästhetischen Korrektur betrachtet.
Daniel Falb kam 1998 nach Berlin und fand über lauter niemand seinen Weg auf die literarische Bühne (www.lauter-niemand.de). Bei den wöchentlicen Treffen im lauter niemand literaturlabor kann jeder Gedichte vortragen und besprechen. Die Zeitschrift feierte gerade zehnjähriges Bestehen, also war Daniel Falb unter den ersten dort dabei. Auch heute noch trifft er sich regelmäßig mit anderen Autoren wie Hendrick Jackson oder Florian Voß, um neu Geschriebenes auszutesten und zu besprechen. Der Literaturwettbewerb Prenzlauer Berg 2001 war nach den ersten Lesungen ein weiterer wichtiger Schritt in die öffentliche Wahrnehmung hinein. Hier gewann Daniel Falb den ersten Lyrikpreis für seinen Gedichtband „die räumung dieser parks“, erschienen bei KOOKbooks. Anschließend gewann er den Lyrikdebütpreis des LCB Berlin (2005). Das Debüt, mit einem Nachwort von Gerhard Falkner, ist ihm selbst jedoch inzwischen fast fremd geworden: „Ich war 23, oder 24, als die ersten Gedichte entstanden sind, deswegen ist es witzig. Ich habe natürlich auch viel aus dem Buch gelesen, aber inzwischen versuche ich neue Sachen zu lesen. Doch die sind teilweise noch abstrakter“.
Auch seine neuen Gedichte wird Daniel Falb wieder bei KOOKbooks verlegen, das LAN-Festival im Mai bietet vorher schon einmal die Gelegenheit, erste Eindrücke von der ästhetischen Entwicklung zu gewinnen, die Daniel Falb als Dichter in den letzten Jahren durchlebt hat. „Es interessiert mich vor allem das Serielle“, betont Falb, wenn er von den neuen Texten spricht: „…insgesamt zueinander, aber auch im Tex. Im Grunde ist es eine Evolution, bei der man einen Schritt nach dem anderen macht. Aber es hat keine übergreifende Rationalität, außer der Rationalität des ästhetischen Empfindens.“
Die Gedichte von Daniel Falb sind kurz und haben ihre ganz eigene Kompositionsstruktur, die vielleicht am ehesten rhizomorph zu nennen ist also vielfach verflochtenen Strukturen vergleichbar, die sich nicht auf hierarchische Ordnungsprinzipien gründen, sondern ein Nebeneinander bilden, das sich in Form von Gleichzeitigkeit auch in Falbs Poetik wiederfindet. Dadurch sind Verschiebungen und Querverbindungen innerhalb dieses Gerüsts möglich, sie werden von Falb gezielt platziert, so dass ein komplexes architektonisches Gebilde aus Wortlaut, grammatischer Struktur und Konnotation entsteht:
das auftragen der lichtreflexe bedeutet offensichtlich die arbeit an den obersten, rasch aushärtenden Schichten.
ein stilleben mit verderblichen gütern erreichte man also durch plötzliches einfrieren der bewegung, mithin des ganzen quellgebietes.
dabei hatte jeder freund sein eigenes zeitfenster, durch das man zusehen konnte, wie er sich anzog.
seine klassenlage als aufgabe unseres managements, daß wir in unserem ganzen leben keinen überreifen apfel zu sehen kriegen würden.
Laut gelesen treten einzelne Wörter hervor wie angestrahlt. Kein Gedicht länger als 3 Minuten, bei den Ramones hat dieses Modell zum Erfolg geführt. Die neue Sammlung von Daniel Falbs Gedichten baut inhaltlich wie formal auf der Erstveröffentlichung auf, mit einer Mischung aus herausforderndem Vokabular, in Zweizeiler gestanzte Buchstaben, die formelhafte Dosen moderner Lyrik enthalten. Inspiriert wurde er dabei an unorthodoxer Stelle, nämlich bei Gesetzestexten: „Ich hatte verschiedene Zwischenstadien, auch formale Zwischenstadien, die verschwunden sind. Teilweise habe ich habe sogar ganze Absätze nummeriert oder gesetzesartig angeordnet, weil mich das Formierte, sozusagen der Charakter von Gesetzestexten als geronnener Politik sehr interessiert hat“. Und das sieht dann so aus:
…das ist die kohorte aus gesten, ein gestein. gestern wurdest du zwangs-ernährt, um heute der jugendrichterin vorgeführt zu werden.
die unsterbliche kohorte. jede sonde ein oikos. wir unterhielten bereits mehrere eigene töchter in den vereinigten staaten.
am tripelpunkt stehst du zwischen phasen, die kein vorher und nachher haben. flipper springt und verdampft.
Mit der so hinzugewonnen formelhaften Komplexität hat er, wie es scheint, schon eine Art endgültiger Gleichung für seine hochkonzentrierte Poesie gefunden. Besonders spannend wird es dort, wo Falb die Widersprüche zwischen realem Leben und dem durch die Massenmedien gespiegelten öffentlichen Leben thematisiert. Wie unsinnig es ist, die Gesellschaft in Frage zu stellen, ohne zugleich auch die Grenzen der Sprache zu bedenken, mittels derer man versucht, sie in Frage zu stellen auch dafür kann man seine Gedichte als ein Beispiel sehen.
