LAN07: Melanie Arns - Mut zum Außergewöhnlichen
von Heide Franck
In Jeans und Pulli sitzt sie lächelnd vor mir, erzählt von gemütlich-albernen DVD-Abenden mit der Mitbewohnerin und vom Jobben als Rikschafahrerin im sommerlichen Berlin. Die 27-jährige Melanie Arns löffelt friedlich in ihrem Milchkaffee herum und macht so gar nicht den Eindruck, als habe sie zwei verstörende Romane über sexuell missbrauchte Mädchen veröffentlicht, bei deren aufreizend-sarkastischem Sprachstil dem Leser oft genug die Luft wegbleibt. Hat sie aber doch. Auch wenn ihr Leben zuerst nicht nach Romanautorin auszusehen schien. Eigentlich hatte sie nämlich eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen: Nach der Realschule ging sie auf die Höhere Handelsschule, um eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren, „so, wie alle das machten“. Zwar wusste Arns, dass sie lieber Schriftstellerin werden würde, aber im Beratungsgespräch beim Arbeitsamt sagte man ihr, sie solle erstmal „was Richtiges“ lernen. Zum Glück gab es aber an der Schule einen Deutschlehrer, der Melanie Arns' Talent erkannte und ihr riet, dem Schreiben doch nachzugehen. Als ihre Eltern anriefen und fragten, wie der erste Tag im Betrieb gewesen sei, antwortete Arns, sie habe gekündigt. Wolle das Abi nachmachen, ans Deutsche Literaturinstitut Leipzig gehen und studieren. Gesagt, getan. Womit das Schema, immer das zu tun, was andere tun, durchbrochen wäre.
Von dem Optimismus, den Arns durch die Entscheidung gegen eine klassische Lehre und für das Studium an den Tag legt, fehlt in ihrem 2004 veröffentlichten Romandebüt „Heul doch!“ jede Spur. Die Protagonistin, deren Name nicht ein einziges Mal genannt wird, hat mit allzu vielen Schicksalsschlägen zu kämpfen: Ihr Bruder starb bei einem Asthmaanfall, was ihre Eltern mit übermäßigem Alkoholkonsum zu verarbeiten versuchen; sie selbst verlor bei einem Autounfall das rechte Auge, hat ein durch Narben entstelltes Gesicht und Aids. Oder doch nicht? „Wer mir glaubt, ist selber schuld.“ Denn wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – das jedenfalls würde die vor sich hin sterbende Oma sagen, wenn die Protagonistin ihren „Herstellern“ offenbarte, dass sie zwölf Jahre zuvor vom Vater sexuell missbraucht wurde. Doch soweit ist es noch nicht. Melanie Arns erzählt mit brutaler Komik von einer aus kaputten Charakteren zusammengesetzten Familie, innerhalb derer man völlig aneinander vorbeiredet und die nach außen hin funktionieren muss. Als das Nicht-mehr-Vorzeigetöchterchen zu Weihnachten endlich mit der Sprache rausrückt und die Eltern mit dem Missbrauch durch den Vater konfrontiert, wird sie übergangen – sie solle zufrieden sein. Eine Lösung ist nicht in Sicht.
Die Wut, die man in der aggressiven Sprache deutlich spürt, ist für Arns eine Quelle der Inspiration. „Der Ausgangspunkt liegt immer bei mir selber.“ Schließlich führt die Wut durch den Prozess des Schreibens zur Kritik: Kritik am kleinbürgerlichen Pseudo-Idyll, am selbst auferlegten Zwang zur Erfüllung der gesellschaftlichen Erwartungen. Wer hierbei an Elfriede Jelinek denkt, liegt gar nicht falsch: Auch bei ihr holte sich Arns während des Schreibens immer wieder Anregungen – zum Beispiel auf dem Gebiet der Sprache. Jelinek als Muse, aber nicht als Vorbild: „Ich möchte mich nicht in eine stilistische Ecke stellen lassen“, sagt Arns. Schließlich hat sie auch andere Lieblingsautoren: Böll und Frisch zählt sie auf, und Salingers „Fänger im Roggen“ ist eh ein Klassiker.
Ihr ihrem zweiten, 2006 erschienenen Roman „Traumpaar, nackt“ greift Arns die Thematik des sexuellen Missbrauchs wieder auf. Sie habe mit der Erzählperspektive experimentieren wollen, „um zu gucken, was dabei herauskommt“. So ist die neue Hauptfigur, an der sich mal wieder der Vater vor langer Zeit vergriffen hatte, nicht mehr namenlos-beliebig, sondern heißt Kati. „Kati steht auf, wenn alle aufstehen, isst, wenn alle essen, und studiert, wenn alle studieren“, weiß der auktoriale Erzähler, der sich gerne mit dem Leser durch ein einschmeichelndes „wir“ verbündet. Kati macht also alles richtig, sie hat sogar, wie sich das gehört, eine beste Freundin, Vanessa. Die allerdings auch schon mal „zur Strafe“ eine Woche lang nicht bei Kati anruft, wenn sie sich mal wieder durch irgendwelche Emotionalitäten über den Alltag retten will. Denn irgendwas stimmt bei Kati nicht. Das merkt auch David, der selber eine verkorkste Familie und dazu heillos romantische Vorstellungen von einer Beziehung hat. Erst sieht es gar nicht schlecht aus für die beiden: in der Mensa kennen gelernt, beim Zahnarzt wieder gesehen, bei Kati im Bett gelandet – da allerdings läuft etwas schief. Kati täuscht den Orgasmus nur vor und schickt David in die Wüste. Und so wird aus dem Traumpaar leider nichts, denn David wendet sich kurzerhand Vanessa zu, die ist nicht so kompliziert. So kriegt Kati schließlich zwar keinen Mann, aber doch eine eigene Stimme: Sie hört auf, so zu handeln, wie es von ihr erwartet wird. Und am Ende des Romans können „wir“, der Erzähler und der Leser, die gemeinsame Sache und Kati die ganze Zeit ein bisschen von oben herab fertig gemacht haben, nicht verstehen, warum Kati doch lächelt.
Traumpaar also nicht, nackt aber schon: Immer wieder konfrontiert Arns eiskalt mit Sexszenen aus Katis Erinnerung (der Vater), ihrem Wunschdenken (David) und dem gegenwärtigen Geschehen (Kati selbst). Das funktioniert wie umgedrehte Pornografie: Das Miterleben dieser teilweise perversen, offen beim Namen genannten Ein- und Übergriffe lässt jegliche Lust an Obszönitäten vergehen. Und wieder zeigt Arns eine Schwäche der Gesellschaft auf.
Das Motiv des Ausbrechens aus den erwarteten Handlungsschemata zieht sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch. Für die „Welt“ schrieb Arns Anfang des letzten Jahres einen Artikel über Joseph Beuys. Der kam aus Kleve, einer 50.000-Einwohnerstadt am Niederrhein, deren Bewohner „sich vom Tratsch ernähren, die jede Regung ihrer Nachbarn beglotzen und jedes Anderssein im Keim ersticken“ – Arns stammt selbst aus dem Kreis Kleve und kennt das. Daher fasziniert sie an Beuys, dass er trotz der argwöhnischen Blicke der Nachbarn „den Mut hatte, etwas Außergewöhnliches zu machen“. Inzwischen wohnt sie in Neukölln, einem der Problembezirke Berlins. Dass man dort die Augen vor den sozialen Problemen nicht verschließen kann, ist wohl einer Gründe, warum sie hier erst einmal bleiben möchte – zurück nach Kleve kommt jedenfalls nicht in Frage.
Nach ihrem Abschluss am DLL im Jahr 2005 kam Arns in den Genuss zweier Aufenthaltsstipendien für Amsterdam und Schöppingen. Nebenbei verfasst sie Kolumnen für „Brigitte“ und „jetzt.de“ – die allerdings im Fall der Kolumne „Evelyn“ bei den Lesern nicht immer ganz so gut ankommen und schließlich ihren Höhepunkt und Schluss in einem blutigen Massaker finden. Arns nimmt’s mit Humor: „Ich weiß auch nicht, warum die Leute das nicht mochten – ich fand das eigentlich ganz witzig“, lacht sie.
Derzeit schreibt sie an ihrem dritten Roman, in dem viele eigene Erinnerungen verarbeitet werden sollen. Zwei Seiten pro Tag zu schreiben hat sie sich zum Ziel gesetzt. Und wenn sie mal einen schlechten Tag hat? Das passiert nicht, erklärt Arns. „Wenn ich mich hinsetze, kommt immer irgendwas.“ Das mag nicht gleich perfekt sein. Aber es ist wieder ein neuer Ausgangspunkt.
